Resiliente Strategien gegen Polykrisen: Herausforderungen für Wissenschaft und Politik Prof. Dr. Ortwin Renn, Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) Potsdam In den letzten Jahren war der gesamte Glo- bus einer Reihe schwerwiegender Krisen ausgesetzt. Risikoforscher*innen nennen sie Polykrisen (Lawrence et al. 2024; Renn 2024). Zuerst kam Corona, dann zeigten sich wei- tere Vorboten des Klimawandels, wie zum Beispiel Überschwemmungen, Dürren und Waldbrände. Es folgten der Krieg in der Uk- raine, Nahrungsmittelkrisen in der Welt, In- flation, galoppierende Energiepreise, schwe- rere und intensivere Naturkatastrophen, und es kommen täglich mehr hinzu. Ein Kennzei- chen von Polykrisen ist die gegenseitige Ver- stärkung von ineinander verzahnten Risiken. Systemische Risiken: komplex und vernetzt Diese wachsenden Gefahren, die das Wohl- ergehen der Menschen weltweit bedrohen, lassen sich mit dem Begriff der systemi- schen Risiken belegen (Renn et al. 2022). Die bisher üblichen Ursache-Wirkungs-Mo- delle greifen immer weniger in einer Welt, die durch systemische Wechselwirkungen zwischen vermeintlich unabhängigen Risiko- quellen gekennzeichnet ist. Nachwuchswissenschaftler*innen stellten ihre Arbeiten beim Markt der Möglichkeiten vor. Die meisten dieser systemischen Risiken sind heute schwerwiegender, störender und gefährlicher als in den vergangenen Jahr- zehnten. Ihre Analyse erfordert interdiszi- plinäre Wissenschaft, systemische Konzepte und Methoden und ihr Management insbe- sondere integrative Formen der Risikobe- herrschung (IRGC 2018). Zentrales Stichwort ist hier die Resilienz von Systemen. Wie kön- nen wir die Widerstandskraft lebenswichti- ger Systeme (wie kritischer Infrastrukturen) gegen systemische Risiken erhöhen? Herausforderung für Risikoerfassung und -management Um dies zu beantworten, stand der resilien- te Umgang mit Polykrisen und systemischen Risiken im Mittelpunkt des Symposiums der Stiftung Umwelt und Schadenvorsorge. Vortrag und Diskussion drehten sich um die Frage, wie Expertinnen und Experten die zahlreichen parallelen Krisen, die sich gegenseitig beeinflussen und verstärken, besser wissenschaftlich modellieren und abschätzen können. Besonders wichtig er- schien dabei die Notwendigkeit eines um- fassenden systemischen Verständnisses der Wechselwirkungen zwischen sozialen, na- türlichen, technologischen und kulturellen Gefahren und Bereichen (Lucas et al. 2018). Ein solcher systemischer Risikobegriff setzt vor allem an der Vulnerabilität und Resi- lienz eines vom Risiko betroffenen Gebiets oder einer sozialen Einheit an. Mit neuen Methoden wie Stresstests, Extremszenarien (black swan scenarios) und agentenbasier- ten Modellierungen lassen sich diese inter- agierenden Risiken einigermaßen zutreffend abschätzen. Dazu kommen neue Manage- mentmethoden, die vor allem die Resilienz von kritischen Infrastrukturen stärken und mit Flexibilität, Pufferung, Diversifizierung und Redundanz auch ungewöhnliche Ereig- nisse oder gekoppelte Krisen bewältigen helfen. Diese neuen Methoden müssen von adres- satengerechten und verständlichen Kommu- nikationsangeboten begleitet werden. Dabei müssen auch die Zielkonflikte zur Sprache kommen, um neue Wege aufzuzeigen, wie Interessengruppen und die betroffene Bevöl- kerung in die Abwägung widersprüchlicher Ziele einbezogen werden können und nach gemeinsamen Lösungen gesucht werden kann, ohne wertvolle Zeit zu verschwenden. Quellenangaben: • International Risk Governance Center (IRGC) (2018): IRGC Guidelines for the governance of systemic risks. https://doi.org/10.5075/epfl-irgc-257279. • Lawrence, Michael, Thomas Homer-Dixon, Scott Janzwood, Johan Rockström, Ortwin Renn, Jonathan F. Donges (2024): Global Polycrisis: The Causal Mechanisms of Crisis Entanglement. Global Sustainability 7, https://doi.org/10.1017/ sus.2024.1. • Lucas, Klaus, Ortwin Renn, Carlo Jaeger, Saini Yang (2018): Systemic Risks: A Homomorphic Approach on the Basis of Complexity Science. International Journal of Disaster Risk Science 9 (3): 292–305, https://doi.org/10.1007/s13753-018-0185-6. • Renn, Ortwin (2024): Systemic Risks and Polycrisis: The Need for an Integrative Approach. In: An Interdisciplinary Discourse on Regulation. Biotic Self-Regulation: Model for Man-Made Systems?, edited by Wolfgang Haber, Michael Grambow, Peter Wilderer, Technical University Munich (TUM- IAS), S. 25–29. • Renn, Ortwin, Manfred Laubichler, Klaus Lucas, Wolfgang Kröger, Joachim Schanze, Roland W. Scholz, Pia-Johanna Schweizer (2022): Systemic Risks from Different Perspectives. Risk Analysis 42 (9): 1902–1920, https://doi.org/10.1111/risa.13657. 5